Weinhaus Attwenger, Bad Ischl

29.10.2000

Nicolas Simion Quartett (RO / A / D)
Feat. Ursula Stenzel

Nicolas Simion: tenor. und sopran saxophone, bass clarinet
Estera Stenzel: rezitation

Charme und Verführung

"Jazz & Poetry" bei den Jazzfreunden Bad Ischl

"Jazz & Poetry" machten die Jazzfreunde Bad Ischl zum Thema eines Abends mit stimmungsvoller Vielfalt. Im Weinhaus Attwenger gab das Nicolas Simion-Quartett seine bilderreiche Visitenkarte ab. Beispielhaft integriert der Vortrag europäische Literatur durch die Schauspielerin Estera Stenzel.

Nicolas Simion ist am Tenor- und Sopransax Könner einer persönlichen Jazzsprache mit erzählerischem Duktus. Ob leise und verhalten oder energievoll ausbrechend, unbedachte Formulierungen hört man von ihm nicht. Mit dieser changierenden Lebendigkeit unterlegt er die in Gestik und Mimik temperamentvolle Rezitation der Estera Stenzel.

Ist es kecker Übermut bei Ringelnatz, schelmisches Politisieren bei Jandl oder stimmungsvolle Lyrik von Hesse, die beiden Rumänen finden immer den richtigen Ton. Charme und Verführung sprechen aus ihr, er weiß immer schlagfertig zu antworten. CT

© 2000-11-26 by "NEUE KRONEN ZEITUNG"

07.09.2000
Lehar Filmtheater, Bad Ischl

Julio Barreto: drums
Carlos Puig: tp, keyb.
Manuel Orza: b
Dany Martinez: g

Jazz auf der Cuban-Welle

Julio Barreto im Stadttheater Bad Ischl:

Die Cuban-Welle spült immer neue Ensembles an. So begann am Donnerstag das Julio Barreto Cuban Quartett im Stadttheater Bad Ischl eine Europatournee. Das musikalische Anliegen des quirligen Schlagzeugers Barreto liegt weniger in der Vermittlung traditioneller Musik Kubas als im Jazz. Natürlich hat die Gruppe ihre rhythmische Substanz in der Polyrhythmik. Auch vokale Äußerungen geben die melodische Prägnanz mittelamerikanischer Musikkultur wieder. Aber in Thematik, Solistik und Phrasierung waren Barreto, Carlos Puig (Trompete, Keyboard), Manuel Orza (Bass) und Dany Martinez (Gitarre) um Jazzstilistik bemüht. Allerdings ließen oberflächliche Arrangements, ungenaues Zusammenspiel und technische Mängel nur wenig Stimmung aufkommen. CT

© 2000-09-09 by "NEUE KRONEN ZEITUNG"

  • JulioBarretto_RolandHolzwarth

Technisch versierter Jazzvortrag mit verzögertem Funkensprühen.

Das Julio Barreto Quartett hatte so allerhand jazziges Material im Angebot. Das Hörinteresse wurde so recht allerdings nicht gewonnen. War es ein Überangebot?

Bad Ischl. Der Begriff "kubanische Musik" ist in diesen Tagen gewiß einer inflationären Tendenz unterworfen. Zu Vieles firmiert in den letzten Monaten unter diesem Herkunfts - Zertifikat. Die Qualität kann damit nicht immer Schritt halten. Dem Julio Barreto Quartett muß man allerdings zunächst einmal zu Gute halten, daß die junge Band um Leader/Schlagzeuger Julio Barreto nicht leichtfertig mit der Etikette "Cuban" umgeht. Vielleicht hätte sich sogar Mancher aus dem Publikum mehr "Cuban Sound" a la "Buena Vista" sehnsüchtigst erwartet - ich gehöre allerdings nicht dazu. Sicherlich ist die Musik der Zuckerrohrinsel auch beim Barreto Quartett ständig durchzuhören, doch geht der junge Schlagzeuger eigentlich ganz andere musikalische Wege und Pfade. Die Wegmarkierungen kommen im wesentlichen aus dem instrumentellen High - Speed Jazz mit starken Jazz-Rock Wurzeln. Die solide Ausbildung der Combomitglieder ist in jedem Takt, bei jedem Solo durchzuhören. Das "Kunsthochschul - Drumming" von Barreto ist schon hörens- und vor allem sehenswert, hatte er als Mitglied der großen Barreto Familie die für Kuba wahrscheinlich große Chance einer mehrjährigen Ausbildung an der Musikakademie "Amadeo Roldan". Manuel Orza beherrscht seinen Bass wie einen Rhythmus "Joy - Stick", keinerlei Unsicherheiten im Aufbau des notwendigen Fundaments, und doch Spielfreude. Die Melodieleitlinien wurden in den meisten Stücken im wesentlichen von Trompeter Carlos Puig vorgegeben, und damit bringt auch gerade er noch am ehesten den Latin - Brass - Sound ins Spiel. Gitarrist Dany Martinez verliert sich mit seiner Stromgitarre gelegentlich dann doch etwas im "Dschungel" der technischen Möglichkeiten. Ein Gitarre - Overflow mit schon fast kontraproduktiver Wirkung fürs Ensemble.
In Summe zweifelsohne solide Teamarbeit auf hohem spieltechnischen Niveau. Gerade Barreto holt aus seinem "drum - kit" alles heraus, was möglich ist. Dahinter steckt jahrelanges Training. Aber irgendwie fehlte einfach etwas: vielleicht war es gerade das, wofür die Massen die kubanische Musik so schätzen, die Lebensfreude, die Spontanität, die Ungezwungenheit. All das kam doch etwas zu kurz, für mich jedenfalls.

Roland Holzwarth - Bad Ischler Rundschau, 13.09.2000

Weinhaus Attwenger, Bad Ischl

11.05.2000

Ned Rothemberg's SYNC (USA / Japan)
Ned Rothenberg: alto saxophone, clarinet, bass clarinet
Jerome Harris: acoustic guitar/acoustic bass guitar
Satoshi Takeishi: perc.

Der Name "Sync" sagt es schon:...

Der Name "Sync" sagt es schon: Ned Rothenberg, Jerome Harris und Satoshi Takeishi respektieren sich im Zusammenspiel. In Bad Ischl führten sie in gleichzeitigen Linien ihre ereignisreichen Triloge. Intellekt bestimmte die Klangfarben und die Instrumentation bringt Vielfalt. Rothenberg verziert den warmen Ton der Bassklarinette mit schrillen Obertönen. Die schroffen Kanten am Altsax lösen sich in emotionelle Schreie auf, an der Klarinette bleibt er kühler Avantgardist. Harris gibt an der akustischen und der Bass-Gitarre Kommentare. Takeishi fabriziert am Perkussions-Instrument mehr Farbtupfer als Rhythmik. CT


© 2000-05-14 by "NEUE KRONEN ZEITUNG

Lehar Filmtheater, Bad Ischl
10.04.2000

Marc Copland: piano
John Abercrombie: gitarre
Kenny Weeler: horns

Sparsamkeit als jazzmusikalisches Erfolgsmotto

Copland, Abercrombie und Wheeler bewiesen bei ihrem Auftritt in Bad Ischl, daß Reduktion auf das Wesentliche in den meisten Fällen ein Mehr bedeutet.

Irgendwie scheinen die Programmchefs der diversen Kulturinitiativen im Salzkammergut heuer die Fastenzeit als Themenschwerpunkt ihrer Konzertplanung einbezogen zu haben. Vielleicht wars aber auch nur reiner Zufall, daß am vergangenen Freitag ein ganz ruhiges, sehr leises, aber dafür umso wertvolleres Jazzkonzert im Ischler Lehartheater über die Bühne ging. Auf jeden Fall gab’s jede Menge Gelegenheit zum Innehalten, zum entspannten Durchhängen. Man mußte allerdings schon die nötige Gelassenheit, die entsprechende Einstellung haben, um die Konzentration für das Konzert von Abercrombie - Wheeler – Copland zu finden. Gewiß gab es an diesem Abend wenig gewinnbringenden Swing und noch mehr druckvollen Drive. Und doch wars ein großer Jazzabend. Es überwogen vielmehr der unterschwellige Jazzvortrag und das ganz ohne die gewohnte Rhythmussektion. Und so blieb die Musik des Trios aus den USA auf dezentem, manchmal sogar samtweichem Balladenniveau.
Hat da jemand die Langsamkeit und Getragenheit als zu sedierend beklagt?? Mir hat an diesem Abend rein gar nichts gefehlt. Es war eine bewußte Einübung in konzentriertes Lauschen und bewußtem Erkennen minimaler Variationen in Rhythmus- und Melodieführung. Die bewußte Abkehr von Lärmigem und der Dauerberieselung bringt vielleicht geradezu Entzugserscheinungen mit sich. Allerdings führt nur bewußter Verzicht seitens der Musiker und des Publikums zu neuen Höhen des Musikhörens. Copland, Abercrombie und Wheeler sind sowohl Team als auch gleichberechtigte Solisten, sind Combo und Individualisten. Melodien werden unisono entwickelt, werden einige Zeit lang gemeinsam getragen bis irgendwann jeder, dem „Ritual“ des Jazz entsprechend, zu seinen eigenen neugierigen Ausflügen aufbricht. Ein leichtfüßiges Zurück zum Combosound ist problemlos und leicht nachzuvollziehen. Könner wie diese Herren brauchen keinerlei selbstdarstellerische Eitelkeit und selbstverliebte Showelemente. Musiker vom Schlag Abercrombie, Wheeler und Copland lassen ihre Instrumente sprechen, solo oder unisono. So erobern sie mit ihren bewußt abgespeckten Kommunikationsmitteln die Ohren und die Herzen der Zuhörer (allerdings nicht aller!!). Einen sehr nachhaltigen Eindruck hinterließen alle. Kenny Wheeler begeisterte vor allem durch seinen samtigen Ton des Flügelhorns. Daneben konnte man sich immer wieder von seinem kompositorischen Können überzeugen. Abercrombie ist noch immer der Schelm der 70iger Jahre, in denen er auf ECM Records bahnbrechendes für die Jazzentwicklung geleistet hat. Meist überwiegt sein sustainreich angezerrter Grundton. Spannung baut er als ständiges Warten auf die Eruption geschickt auf. Verweise auf mögliche Explosion sind für ihn Spannung genug. Copland ist der Gruppenchef und trotzdem dezent in seinem Pianospiel. Wie auf Glasperlen führte einen der Mann durch seine Pianowelt, und das mit glasklaren Soli und feinsten rhythmische Nuancen.
Abschließend könnte man den Abend mit diesem Dreier, selbstredend ironisch, als „heilmusikalische“ Abhandlung verstanden wissen.

Roland Holzwarth: Salzkammergut Zeitung, 13.4.2000

24.03.2000
Weinhaus Attwenger, Bad Ischl

Klaus Ignatzek: piano
Anca Parghel: vocals
Jean-Louis Rassinfosse: bass

Große Jazz Stimme ganz ohne Oktavengrenzen

Frischer, jugendlicher Jazz von und mit dem Klaus Ignatzek Trio hatte eine außerordentliche Stimme als Kernpunkt, Anca Parghel.

Mittlerweile scheint ich eines immer mehr herauszubilden, trotz oder gerade wegen einem millionenschweren neuen Theater- und Kongresshaus, finden die unterschiedlichen Ischler Kulturinitiativen neue Heimstätten in ganz anderen räumlichen Umgebungen. Vielleicht haben sich die neu erstarkten Ischler Jazzfreunde an die alte Geschichte des Weinhauses Attwenger als ehemaliges Szenelokal in den 60iger Jahren rund um das einmalige Szenefaktotum „Bart Sepp“ erinnert.
Das damalige Weinhaus war berühmt berüchtigter Veranstaltungsort für Heurigen- und Wiener Lieder Musik. Sei’s drum, die dort dargebotene Musik ist mittlerweile ein ganz andere geworden, die Verspieltheit und der Charme des jetzigen Weinhauses ist erhalten geblieben. So hat sich diese „Location“ durchaus für weitere Jazzkonzerte empfohlen. Das Gastspiel des Ignatzek Trios rund um die rumänische Sängerin Anca Parghel paßte wie „angegossen“ in dieses Ambiente. In diesem kleinen Rahmen wurde die Musik des deutschen Ausnahmepianisten noch größer und hat tatsächlich an Dynamik gewonnen. Akustisch ist der Raum kaum zu übertreffen, die Stimmleistung von Parghel schien die Holzdecke fast zu heben, der Flügel strahlte wie selten harmonisch in den Raum.
Dagegen verblaßt manch millionenschwerer Konzertsaal mit elektronisch vermessener High – Tech Akustik. Unter dem Markenzeichen „Ignatzek Trio“ firmiert ein 3 Kulturen umfassendes Ensemble. Anna Parghel stammt aus Rumänien und reibt sich mit ihrem südländischen verbalen und vokalen Charme an der abendländischen Jazzspielart des Deutschen Ignatzek und des belgischen Hünen Jean – Louis Rossinfosse.
Herkunft und die Lebensgeschichte des Dreiers könnte unterschiedlicher nicht sein, die musikalische Destination ist die gleiche und steht wie ein Leuchtturm am Horizont: zeitgenössischer Jazz mit Vokalschwerpunkt und ganz, ganz großem Bezug zur Jazzgeschichte im Allgemeinen und der Tradition der großen Jazz – Divas im Besonderen.
Ignatzek kommt vom Hardbop und kennt und beherrscht damit die afroamerikanischen Quellen des Jazz. Er verneigt sich grundsätzlich vor den reichhaltigen Rhythmen der afro – lateinamerikanischen Jazzschule und läßt daher wie selbstverständlichen Latinelemente wie manche Bossa – oder Sambaspielerei einfließen. Dabei sucht er die Anbindung dieser Quellen an die Tradition der europäischen Klavierschule aus der Jazz- und Klassikecke.
Anca Parghel kommt aus dem klassischen Genre (Opernausbildung) und das merkt man ihrem Gesang in jeder Tonlage unbedingt an. In ihrem Fall kommt Gesangskunst wirklich von Können. Oktavengrenzen sind für sie eine große Unbekannte. Völlig losgelöst und unangestrengt führt sie die Zuhörer vom bluesigen Tiefgang bis zu den hingehauchten Liebeserklärungen an die hohen Stimmlagen der weiblichen Jazzvocals.
Sie hat natürlich all den großen Jazz – Divas studiert. Die historischen Platten von sagen wir einmal Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan und Carmen McRae kennt sie vermutlich mehr als genau.
Auf den traditionsreichen Brettern des Attwenger entzündet die kleine, aber darum um so temperamentvolle Sängerin ein Feuerwerk in Sachen Jazz und verblüfft durch kaum fassbare Kehlkopf – Akrobatik. Daß mit der Dame nicht das Temperament durchgeht, dafür sorgt vor allem der belgische „Kleiderschrank“ Rossinfosse. So breit wie sein akustischer Bass hat der Mann aus Brüssel die Autorität und die bassmusikalische Spannkraft, um dem Ganzen das notwendige Rückgrat zu geben und ein Abheben der Parghel zu verhindern.

Roland Holzwarth, Salzkammergut Zeitung - 29.03.2000

  • AncaParghel_RolandHolzwarth