K.u.K Ragtime

Museum der Stadt - Bad Ischl

Fr. 16.Mai 2008

Géza Gábor Simon: Musikhistoriker und Autor des Buches (Ungarn)
Wolfgang Hirschenberger: Musikhistoriker (Österreich)
Emanuel Wenger: Moderation (Österreich)

Vortrag Teil 1

Vortrag Teil 2




Die Ragtime-Ära der Österreichisch-Ungarischen Monarchie

Simon, Géza Gábor
Vortrag und Buchpräsentation

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In Zusammenarbeit mit dem Ungarischen Kulturinstitut Collegium Hungaricum Wien

Buchpräsentation von "K.u.K. Ragtime" in Ischl

Weltmusik aus Trichter

Passen zur Landesausstellung "Salzkammergut" stellte der Musikwissenschaftler Géza Gábor Simon im Museum Bad Ischl seinen Prachtband "K.u.K. ragtime" vor - mit Hörbeispielen am trichter-Grammophon!

Die Klavier- und Orchestermusik des Ragtime beherrschte von 1870 bis 1920 nicht nur die amerikanische Populärmusik und war eine der Wurzeln des Jazz. Fröhlicher Melos und tanzrhytmus kamen bald auch in die Unterhaltungs-Etablissements Österreich-Ungarns. Dass man sich nicht nur in Wien und Budapest vergnügte, berichten "Announcen" über ein gastspiel der "Black Nightingale Arabelle Fields" im Dezember 1912 im Linzer Colosseum.


Peter Baumann - Krone Zeitung, 19. Mai 2008

K.u.K. Ragtime

Die Ragtime-Ära der österreichisch-ungarischen Monarchie von Géza Gábor Simon

Wenn es um die Darstellung der musikalisch-kulturellen Quellen des Jazz im mitteleuropäischen Raum geht, dann ist mit Sicherheit der ungarische Musikhstoriker und Jazzforscher Géza Gábor Simon ein ganz wichtiger Ansprechpartner. Nachdem er bereits in den letzten 30 Jahren eine reihe bemerkenswerter Buchveröffentlichungen (z.B. über Attila Zoller und Lajos Dudas sowie die Hungarian Jazz Discography 1905-2000) sowie CD-Produktionen mit ungarischen Musikern der Vergangenheit und Gegenwart aufwarten konnte, liegt nun ein repäsentatives und künstlerisch hervorragend gestaltetes Werk zur mitteleuropäischen Ragtime-Ära (1867-1918) vor. Zum gelingen dieses Werkes trugen der Sammler und Musikhistoriker Wolfgang Hirschenberger und der für die hervorragende deutsche Übersetzung zuständige Istvan Neumann bei.
"K-u.K. Ragtime" stellt auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Wortverbindung dar. Mit dem Begriff K.u.K. verbindet man als Musikkonsument in erster Linie die Operette oder das Wiener Lied in der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, aber ragtime in diesem Zusammenhang zu nennen, das ist schon etwas gewöhnungsbedürftig. Aber der Autor begründet diese Verbindung: Wie anderswo in Europa stieß der Ragtime (oft als früher Jazz oder dessen Vorläufer betrachtet) um die Jahrhundertwende auch in der Doppelmonarchie auf einen entsprechenden Nährboden. Die langen Friedenszeiten, der kulturelle Aufschwung, der Aufstieg von Wien und Budapest zu Metropolen und die Herausbildung großstädischer Lebensweise begünstigte die Verbreitung von Genres der Unterhaltungsmusik, die immer mehr auch den Alltag mit prägten.
Simons jahrelangen Recherchen brachten zutage, dass sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Ragtime nicht nur in den USA ausbreitete, sondern auch in Europa viele Anhänger gefunden hatte und auch im klassischen Bereich (Debussy, Satie, Hindemith und Strawinsky) Spuren hinterkieß. Diesen prozess belegt der ungarische Autor auch anhand der damaligen Strukturen der Musikalienindustrie (Instrumentenbauer, Notenverleih und grammophonplattenhersteller mit Originalen und raubkopien/Bootlegs). Aufschlussreich sind auch die Feststellungen im Hinblick auf das allseits bekannte Klischee der überragenden Bedeutung Scott Joplins beim Stichwort Ragtime. Simon arbeitet heraus, dass die Werke Joplins "nur einen verschwindend kleinen Teil der vielgestaltigen, gar nicht einheitlichen Welt des ragtimes repräsentieren". Sicherlich muss deswegen die Jazzgeschichte in Europa nicht neu geschrieben werden, aber der Einfluss aus dem österreichisch-ungarischen raum verdient in diesem Zusammenhang da schon mehr als nur eine Fußnote. Der Bild- und Dokumentationsband macht den Leser mit aufschlussreichen Details bekannt, so zum Beispiel über Sari fedak, die den Cakewalk im Kimono tanzte oder zum Jazz-Standard "Alexander's ragtime Band", der auf Platten zum "Medvetanc/Bärentanz" mutierte.
Zahlreiche Plakate, Notenbeispiele, zeitungsasuschnitte, Fotos und Grammophonplattentitel bereichern optisch und inhaltlich die Ausführungen. Zum Buch gehört auch eine CD-Beilage mit 25 Titeln, darunter frühe Aufnahmen aus den Jahren 1902 und 1905. Die Buchpräsentation der deutschspachigen Fassung (es liegen noch ungarische und englische fassungen vor) fand am 16. Mai an historischem Ort in Bad Ischl bei Salzburg als Rahmenprogramm für die oberösterreichische Landesausstellung 2008 statt.
Der Ragtime- bzw. jazzhistorisch Interessierten dürften auch die von Géza Gábor Simon und Mari Körmendi produzierten CDs "Populäre Musik und Jazz in Österreich: Die Vorläufer Ragtime" (Historisch Tondokumente 1902-1920, mit umfangreichen deutschsprachigen Booklet) und "Jazz hungaricum: Ragtime in Hungary" des ungarischen Labels Pannon Jazz (www.pannonjazz.hu) wertvolle Anregungen vermitteln.

Peter Wende - JAZZPODIUM Juli/August 2008