Karl Ratzer Westgate Project

PKS-Villa Rothstein, Bad Ischl
25.09.2014
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Karl Ratzer: git. & voc.
Torita Wolfart: voc.

Jan Eschke: keyb.
Patrick Scales: e-bass

Florian Oppenrieder: drums

 

Karl Ratzer: "Ich spiele nicht mehr Gitarre, sondern ich mache Musik."

Zum 35-jährigen Jubiläum haben sich die Jazz-Freunde Bad Ischl selbst ein Geschenk gemacht. Im August war die Jazz-Diva Maria Joao zu Gast und am Donnerstag gastierte in der vollen PKS-Villa der international verehrte Wiener Kultgitarrist und lebende Jazz-Legende Karl Ratzer mit seiner neuen Formation dem “Westgate Project“. Karl Ratzer hat sich im Lauf der Jahre zu einem Musiker entwickelt, der weit über die Grenzen Österreichs hinaus in der internationalen Jazzszene Ansehen genießt. Wie kein anderer österreichischer Musiker beherrscht es Karl Ratzer immer wieder neue Ausdruckmöglichkeiten zu finden, ohne dabei aber die Essenz des Genres zu verlieren. Mit dabei handverlesene Spitzenmusiker wie die famose Gastsängerin Torita Wolfart, Jan Eschke an den Keyboards, Patrick Scales am Bass und Florian Oppenrieder am Schlagzeug.

Auf dem Programm stehen zeitgemäße Interpretationen aus seiner Zusammenarbeit mit Chet Baker in den 70er Jahren aber auch Jazz-Standards wie Dave Brubeck´s „In your own sweet Way“ oder Mal Waldron´s „The Way you look tonight“, wobei Ratzer und seine Band größten Wert auf moderne und interessante Arrangements legen. Die für den Jazz so typische Improvisation wird von diesen erfahrenen Musikern in natürliche Klangbilder integriert sodass die Stücke immer wieder abwechslungsreich gestaltet werden, aber dabei homogen bleiben und vor allem „swingen“. Faszinierend sind sein unverkennbarer Ton an der Gitarre, sein beseeltes Spiel und seine stilistische Vielseitigkeit. Der amerikanische Musikjournalist Bill Milkowski sagte einmal über Karl Ratzer: "Er hat einen fetten, sahnigen Ton, eine mutige Improvisations-Ader, eine Vibrato-Technik, dass du sterben möchtest, und einen Hang zu echtem Blues, Funk und Soul."

Auch am Donnerstag glaubte man sich in einem amerikanischen Blues- oder Jazzclub zu befinden. Karl Ratzer spielte und sang Musik, deren Wurzeln irgendwo zwischen dem Mississippi-Delta und der New Yorker Bronx liegen. In diesem Teil der Erde wurde Karl Ratzer musikalisch geprägt, und das hört man bis heute, rund 30 Jahre nach seiner Rückkehr aus dem "gelobten Land" des Jazz.

Josef Gebetsroither, Neues Volksblatt - 27. September 2014

Full House und tolle Atmosphäre in der PkS Villa beim Konzert der Jazzfreunde.

Karl Ratzer zeigt seine große Gitarrenkunst – doch bleibt relativ wenig jazz – musikalische Durchdringung und Tiefenwirkung.

Legenden sorgen nun mal für „volle Hütten“ – auch wenn die Performance dann doch etwas wackelt. So wurde man zwar gut unterhaltener Zeuge einer durchaus respektablen Nachlassverwaltung diverser „Standards“ seitens des Wiener Godfather des Jazz. Ich persönlich vermisste allerdings dabei den „revitalisierenden“ Vortrag durch die Band rund um den Wiener Jazzgitarrenhelden.
Ratzers Präzision an den Gitarrensaiten ist natürlich überwältigend schon allein durch die jahrzehntelange Arbeit an diesem Instrument.
Sehr homogene Ensemble Leistung – große Ausdauer und langer Atem – aber allerdings auch nach meinem Geschmack ohne die ganz große Überzeugungskraft. Rhythmisch immer nahe am Swing Standard – manchmal hätte ich schon fast die Groove Explosion erahnt – aber sie kam und kam nicht. Leider!
Keyboarder Jan Eschke zeigte unter anderem eine sehr solide Darbietung am leider so selten eingesetzten e-piano. Aber der Groove an den schwarz weißen Tasten wollte nicht so recht zünden.
Alles wartete lange auf den Auftritt von Tarita Wolfart – angekündigt als großer Vokal Star dieses Ensembles. Durchaus große und beeindruckende Eleganz im Auftreten und im stimmlichen Vortrag – natürlich beherrscht sie das große Posing. Und ihre Stimme repräsentiert durchaus gelungen und wirkungsvoll die Soul und die R’nB Geschichte. Meiner Meinung nach hätten viel mehr Songs an diesem Abend ihre vokale Anreicherung und Durchdringung vertragen.
Fazit: Schöner Jazzabend – wie immer bestens vorbereitet und durchgeführt durch das Team der Jazzfreunde. Eine gelungene Veranstaltung mit starker Aufhellung der schön langsam herbstlich dunkler werdenden Ischler Veranstaltungswelt.

Auf die ganz großen Highlights habe vermutlich nicht nur ich gewartet. Diese Form der Jazzmusik braucht dringend ein im doppelten Wortsinn gültige „anti-aging“ Treatment oder zumindest ein konsequentes musikalisches Wellness Wochenende.
Im Ischler Dialekt könnte man auch meinen, diese Form des Jazz sei am „alterln“. Diese Musik rund um das Westgate Projekt bräuchte dringend eine Runderneuerung – alles wirkt für mich etwas „angejahrt“ bzw. verbraucht.
Es kam durchaus Freude auf, so einen Könner mit einem guten Team bei der Arbeit zu beobachten.
Trotzdem blieb für mich der Nachhaltigkeitseffekt begrenzt – oder wie man heute so schön modern zu sagen pflegt - die „musical sustainibility“ muss von Ratzer und seinen Leuten doch wieder mehr herausgearbeitet werden.

Das meint resümierend - Roland Holzwarth