29.04.1999
Lehar Filmtheater, Bad Ischl

Lew Soloff: tp (USA)
Blue Lou Marini: ts (USA)
Joe Beck: g (USA)
Mark Egen: b (USA)
Danny Gottlieb: drums (USA)

Woher der Jazz den Blues und Funk holt!?
Voller Genuss ohne Reue und musikalische Lebensfreude pur – Lew Soloff brachte mit seiner „Food Band“ das Lehartheater zum Beben.
Die Einstellung zu Jazzkonzerten in diesen Tagen ist ja so eine Sache. Jazz wird von vielen vom Unterhaltungswert und der Innovationskraft schon fast mit der Klassik gleichgesetzt. Der Besuch ist dementsprechend schlecht. Manchmal kommt man sich vor wie bei einer subventionierten Volkshochschulveranstaltung in Sachen Musikverständnis.
Lew Soloff war an sich schon vertrauenswürdiger. In der Szene gilt der mann mit dem schütteren Haar als flexibel, weitgereist und äußerst tourneegereift, saß er bekanntlich schon mit Leuten wie Ray Anderson, Carla Bley und Barbara Streisand im Tourneebus. Mit großer Freude las man auch die Besetzung der „Food Band“: Mark Egan als Bassist, Danny Gottlieb als Schlagzeuger, als Gitarrist Joe Beck und, man höre und staune „Blue Lou“ Marini am Sax. Jawohl, Blues Brothers Band! Gewiss, ich war irgendwie auf mehr als einen schönen Jazz-Abend vorbereitet, aber dass es so kommen sollte!
Dass es im ehrwürdigen Lehartheater an diesem Abend so knallen und „funken“ sollte, war beim besten Willen nicht zu erwarten. Phantastico, kein Jazzschmalz, keine ermüdenden Swingorgien, kein selbstverliebtes überlanges Solieren. Stattdessen mitreißendes, lustbetontes Musizieren - wahre Lebensfreude schlechthin.
Schon bei „Mississipi Nights“ hörte man das langsame Dahinfließen des amerikanischen Urstroms, erahnte man endlose Sonnenuntergänge und nicht enden wollende Nachtschwärmereien durch die Clubs von Memphis oder New Orleans.
Und dann die „salbungsvolle“ semiakustische Gitarre von Joe Beck mit Gänsehautfaktor 10 auf der 10-teiligen Skala!
Fast „schamlos“ machen sich die Herren über Blues- und Rockstandards der letzten Jahrzehnte her! Sie haben keinerlei Hemmungen „Suize Q“ (CCR) in das Lehartheater zu rocken. Selten habe ich diese Location, die ja wahrlich alles andere als ein Jazzclub ist, so beben gesehen. Es war schon fast „Tanzmusik auf Bestellung“, aber bitte wo soll das Publikum hier tanzen?
Noch ein paar Worte zu „Blue Lou“ Marini: Es wird in den letzten Jahren wohl bessere Saxophonisten gegeben haben. Aber Marini kann am Sax sozusagen zupacken und mitreißen! Gleich darauf verzaubert er wieder mit zärtlichen Tönen. Können sie sich übrigens vorstellen, dass Marini und Soloff bei der letzten Nummer auch noch vom 1. und 2. Rang in Dialogform heruntergespielt haben? Sie hätten sich selbst davon überzeugen sollen. Übrigens – Gratulation für die unentwegten Jazzfreunde. Wer so lange an Jazzkonzerten arbeitet, muss schlussendlich einmal so einen Erfolg verbuchen können.

Roland Holzwarth: Salzkammergut Zeitung, 5.6.1999

  • LewSoloffsFoodGroup_RolandHolzwarth

31.10.1999
Kongress & Theater Haus, Bad Ischl

Jubiläumskonzert "20 Jahre Jazzfreunde"

Joe Zawinul: Keyboards (A/USA)
Victor Bailey: Bass (USA)
Gary Poulsen: Guitar (USA)
Karim Ziad: Drums (DZ)
Manolo Badrena: Percussion & Vocals (PRI)

Denkmalpflege ist manchmal eine schwierige Angelegenheit
Ein schönes Fest mit der notwendigen Feierlichkeit und dem entsprechenden Publikumsrahmen ist es gewesen: Das Jubiläumskonzert der Jazzfreunde
Ein Zeitalter, eine Ära eines Vereines, der wie wenig andere über die Jahre das Veranstaltungsleben bereichert hat, scheint zu Ende zu gehen. Das hinterließ zumindest bei mir einen gewissen wehmütigen Beigeschmack an diesem Abend. Offensichtlich muss manches ein Ende finden, um die richtige Einschätzung zu erhalten.
Vielleicht ist überhaupt Wehmut eine Grunddeterminante für dieses große Konzert mit einem ganz Großen seiner Zunft. Dieser Mann, Joe Zawinul, ist ein Begriff in der Jazzwelt. Einst war er als zorniger junger Mann, als Freibeuter des Jazz ins „gelobte Land“ gezogen. Dort wurde er bald zum Advokaten des elektronischen Jazz. Sein Stil, seine musikalische Arbeit wurde zum Ausdruck einer großen Persönlichkeit. Aber…
Dieser Abend am vergangen Sonntag blieb mir als einer mit vielen „Abers“ in Erinnerung. Der „Joe“ aus Erdberg bewegt noch immer die Massen, ein fast zeitloses Phänomen mit viel Wiener Schmäh und gutem Zugriff zum zahlreich erschienen Publikum im großen Saal. Dieser Mann hat Berge in Bewegung versetzt bei seinem Bemühen um das Crossover von Jazz und den vielen ethnischen Strömungen dieser Welt. Auch durch Zawinul wurde Jazz zu einer wirklichen World-Music.
Ja sicher, aber! Der Umgang mit großen Persönlichkeiten, zu Denkmälern gewordenen Institutionen ist so eine Sache. Die Unsicherheit des Rezensenten, ein so großes Ereignis mit einem so Großen seines Fachs im „kleinen“ Bad Ischl in Form einer Kritik zu erfassen, ist eine Gratwanderung. Aber der Zawinul, der mich wie kaum ein Anderer in den 70igern musikalisch durch meine damals noch junge Welt irgendwie „führte“, machte es mir und vermutlich auch anderen wirklich nicht leicht.
Aber es muss heraus: Zawinul arbeitet nicht mehr an der Vertiefung seines musikalischen Ausdrucks, nein, er tritt auf der Stelle. Es gibt viel zu viel sattsam Bekanntes. Er erscheint mir zu sehr gefangen in seinem System aus routinierten Sounds und Phrasen. Zawinul kann wie kein Anderer Klavier spielen, seine Entwicklungsarbeit für und am E-Piano ließen Kritiker vor Jahrzehnten erstarren.
Fragen über Fragen
Heute sind es fast nur noch Selbstzitate und Anleihen an seinen Keyboardssounds nach „Wheater Report“. Warum spielt der Mann nicht mehr seine großen Melodien und seine groovigen Soli? Warum ist nicht nur er stetig unterfordert, und überträgt dies auch noch aufs Publikum? Fragen über Fragen!
Das „Syndicate“ ist natürlich mehr als eine Profiband. Ein Orchester aus großen Persönlichkeiten mit jeweils großer musikalischer Historie, aber an diesem Abend auch nicht mehr als eine feine Combo. Routiniers an der Arbeit, aber fast schon mit einer gewissen Arbeitnehmermentalität. Was meine ich damit? „Nur nicht anecken … scheint die die Devise“! Schon fast eine „Sozialpartnerschaftscombo“ ist da unterwegs. Alles ist geregelt, alle Rahmenbedingungen abgesteckt und einzuhalten. Ein wohltuendes Nebeneinander ! Kleine, fast unsichtbare manuelle Direktiven bestimmen das Combospiel. Wenig Band – Auseinandersetzung, wenig Mut zum Risiko. Jazz ist mehr als das!
Schade drum. Risse im Denkmal waren nicht zu überhören. Die gute Combo „Syndicate“ hat eh noch manches zugekleistert und geschickt abgedeckt. Ein Vollprofi wie Zawinul kann sich sein „Silikon“ einfach leisten. Vor allem die zweite Hälfte des Konzerts war eine lange Abfolge von Andeutungen, ein langes Zuwarten auf das so geschätzte Zawinulsche Abgrooven. Vielleicht hat der gute alte Zawinul, nach eigener Aussage erstmals im „netten Bad Ischl“, aber auch nur einen schlechten Tag erwischt?
Liebe Jazzfreunde: Wäre ich 20 Jahre jünger, würde ich auf Euren Appell um neue Mitarbeiter gerne nachkommen. So kann ich Euch nur auf diesem Wege danken für so manches gute Konzert in viel kleinerem Rahmen.
Roland Holzwarth: Salzkammergut Zeitung - 4. November. 1999
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Jazzfreunde feierten 20er
Mit einem sensationellen Konzert mit Joe Zawinul begingen die Ischler Jazzfreunde im Kongreßhaus ihren 20 jährigen Bestand. Die Veranstaltung war restlos ausverkauft, die Stimmung war bombig, der Saal drohte zeitweise überzukochen.
Seit zwanzig Jahren sind die "Jazzfreunde Bad Ischl" um die Förderung des Jazz bemüht. Das Jubiläum wird am 31. Oktober mit einem Konzert Joe Zawinuls gefeiert: Der Stilbildner des Fusion Jazz tritt mit dem "Syndicate" im Kurhaus auf. Bedeutende Musiker der Moderne haben so den Weg nach Ischl gefunden: das World Saxophone Quartett, Don Cherry oder Charles Lloyd. Diese Pioniertat wird vor allem von Land und Bund unterstützt - die Gemeinde selbst setzt lieber auf Operette und speist die Kulturmacher mit einer Bagatelle ab. Und das neue Kurhaus ist für Konzerte teuer und nur bedingt geeignet. . .
Peter Baumann: Krone Zeitung - 8. Oktober 1999

  • JoeZavinul_RolandHolzwarth

24.09.1999
Kongress & Theater Haus, Bad Ischl

Eberhard Weber : Bass (D)
Reto Weber: Percussion (CH)

Weber mal Zwei – kleines Jazz-Duo mit großem musikalischen Charisma
Fünf Saiten und viele Felle – Weber und Weber zeigen im Kongress- und Theater Haus die Bandbreiten des zeitgenössischen Jazz auf und wussten zu gefallen.
Duette sind ja im Jazz als Besetzungsspielart ein durchaus bekanntes Phänomen. Wenngleich es für den Zuhörer immer wieder interessant und spannend ist, sich auf ein solches Duo im Rahmen eines Konzertes einzulassen. Weber x 2 waren da ja fast eine sichere Bank. Eberhard Weber ist selbst in Nicht-Jazz Kreisen kein unbekannter. Er ist eine der Leitfiguren im europäischen Jazz und steckt zusammen mit Kollegen immer wieder das „Revier“ des Jazz in Europa ab. Er war nie ein Traditionalist, ein eifernder Bewahrer, ein Gralshüter des Schönen und Guten, vielmehr war ihm immer das Gespür für musikalische Freiräume wichtig. In den 70er Jahren war Weber E. Wegbereiter des Jazz-Rock mit dem alten Kompagnon Volker Kriegel (wo ist dieser große Gitarrist eigentlich verblieben?) und darüber hinaus Gründungsmitglied des „United Jazz und Rock Ensemble“. Jahre später war genau er der richtige Mann mit dem passenden Bass-Ton für die Sax-Elegien von Jan Garbarek, bevor dieser fast ins New-Age mäßige abgedriftet ist. In diesen Tagen ist ihm scheinbar mehr nach Percussivität. Welch ein netter Zufall, dass es in diesem Segment einen weiteren Weber gibt, nämlich Reto Weber. Dieser ist Schweizer und Weltreisender in Sachen Musik. Er ist Scout für die Rhythmen dieser Welt und dadurch auch Sammler für Rhythmus-Zeugs aus allen Kontinenten.
Weber und Weber sind zumindest im Moment nicht nur Namensvettern, sondern gleichberechtigt Suchende nach den Beat- und Rhythmusskeletten des Jazz in all seinen Facetten. Blindes Vertrauen zwischen den beiden Partnern darf bei diesem Suchen vorausgesetzt werden, Respekt für das jeweils andere Instrument kommt dazu. Als Ergebnis, das die Zuhörer (es waren wieder einmal keine „Massen“) zu gefallen wusste, gab’s jede Menge kleine Musik-Puzzle-Teile. Mal afrikanisch gefärbtes Material mit Weber R. an der Kürbistrommel und einem Weber E. am unglaublich (für seine Verhältnisse) pulsierenden und treibenden Bass. Die von ihm bekannten runden Bassläufe kamen in diesem Kontext darüber hinaus äußerst treibend und druckvoll und klare Melodielinien über das Getrommle legend. Mal gab sich das Duo karibisch, aber jenseits aller falschen Rumkugeln- und Kluburlaubswelten. Die Steeldrums von Reto Weber verschmolzen mit Eberhard Webers Bassfiguren. Ethno-Jazz, aufs Wesentliche reduziert, nämlich Rhythmus und Emotion - das gefiel dem Publikum. Eberhard Webers Spiel, sein Handling des von ihm entwickelten elektro-akustischen Basses hat sich über die Jahrzehnte nur graduell verändert. Reminiszenen an seine großen Alben auf ECM waren mir sehr willkommen. Das Solo-Stück „Dilirium“ zeigte seine ganze Größe, vor allem der Einsatz der Echo-Box verstärkte die volle Zartheit aber auch Wucht seines Bassspiels.
Der Vortrag von Weber und Weber war als Ganzes wie aus einem Guss. Große Musiker wie die beiden Herren brauchen keine Eitelkeiten, keine Selbstdarstellungen, sie lassen einfach ihre Instrumente sprechen und erzeugen gerade dadurch Spaß, Flair und vor allem Emotion. Allein Reto Webers Schlagzeugspiel war für mich seltsam rudimentär und skelettiert. Fast nur Beckenarbeit – sonst nichts – Absicht? Für kleine Jazzereignisse wie an diesem Abend scheint mir der kleine Saal im Kongress- und Theaterhaus auch nicht das Gelbe vom Ei zu sein. Hat sich an den Raum-Nöten der kleinen, aber bemühten Kulturinitiativen wie den Jazzfreunden nichts geändert?

Roland Holzwarth: Salzkammergut Zeitung - 1. Oktober 1999

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Die Jazzfreunde Bad Ischl luden zu ihrem ersten Konzert im umgebauten Kongress- und Theaterhaus
Mit Eberhard und Reto Weber (nicht verwandt) traten zwei singuläre Persönlichkeiten des europäischen Jazz auf. Beide zeigten sich im Duo und in Solonummern als ausgeprägte Individualisten.
Eberhard Weber zählt mit seinen 60 Jahren zu den Pionieren der deutschen Moderne. Mit selbstkonstruiertem elektro-akustischem Baß erzeugt er atmosphärisch singende Töne, die lange nachklingen. Auch Reto Weber ist auf seinen Percussions-Instrumenten nicht nur Rhythmiker. Die melodische Komponente seiner prägnanten Handschläge vereint sich in idealer Partnerschaft mit dem Baß.

CT: Krone Zeitung - 28. September 1999

19.02.1999
Festsaal, Bad Goisern

Ralph Towner: guitar, piano (USA)
Paul McCandless: oboe, reeds (USA)
Glen Moore: bass, piano (USA)
Mark Walker: percussion (USA)

Die Jazzfreunde Bad Ischl eröffneten ihr attraktives Frühjahrsprogramm mit einem der traditionsreichesten Ensembles des modernen Jazz.
In Bad Goisern trat das Quartett Oregon in einem umjubelten Konzert mit neuarrangierten alten Titeln, aber auch mit News aus der jüngsten CD „Northwest Passage“ auf.
Vor 30 Jahren war Oregon einer der Exponenten des Fusion Jazz, der den Jazz mit ethnischen Bezügen aus aller Welt zusammenbrachte. Auch heute noch schwelgen Ralph Towner mit Gitarren, Piano und Keyboards und Oboist und Saxophonist Paul McCandless in Komposition, Improvisation und in ausschweifender Melodik. Brachte in der Anfangszeit der Gruppe die weichtönige Tabla das rhythmische Fundament, so zeichnet heute der hochtalentierte Mark Walker mit seinem ausfüllenden Schlagzeug jazzige Kanten. Am Bass der versierte Glen Moore.
Da auch die Programmgestaltung auf neuere Jazzentwicklungen Rücksicht nimmt, sind Oregon mit Vielfalt an Klang und Rhythmus weiter Erfolge sicher.
Chris Thommark: KRONENZEITUNG – 21. Februar 1999
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Oregon-Konzert in Bad Goisern
Kürzlich gab es im Festsaal in Bad Goisern ein hochkarätiges Jazzkonzert. Geladen war die internationale Topgruppe Oregon mit Ralph Towner, Paul McCandless, Glenn Moore und Mark Walker. Trotz der widrigen Witterungsverhältnisse war das 1.Konzert der Jazzfreunde in diesem Jahr sehr gut besucht. Dies hat wohl auch zu der guten Stimmung der Musiker beigetragen, die am Ende eines großen Konzertes – nach tobendem Applaus des Publikums hin – noch 2 Zugaben. Es ist den Jazzfreunden zu wünschen, dass auch die nächsten Konzerte so regen Besuch aufweisen. Damit könnte wahrscheinlich die schlechte finanzielle Lage des Vereines verbessert werden.
Klaus Wallner